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Geisteswissenschaftlicher Hochschulabschluss in der Tasche – was nun? | JAROCCO

Geisteswissenschaftlicher Hochschulabschluss in der Tasche – was nun?

"Geisteswissenschaftler haben sich von vornherein auf unrentable und überlaufene Berufszweige festgelegt, weniger Fähigkeiten für die Berufswelt als andere gesammelt und können auf dem Arbeitsmarkt nur durch Zusatzqualifikationen bestehen."

Ja und Nein! Tatsächlich ist es für Akademiker geisteswissenschaftlicher Studiengänge insgesamt schwerer, den Berufseinstieg zu schaffen. Während das Studium noch Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und Selbstbestimmung bot, kommt die Ernüchterung und mit ihr der Frust meist allzu schnell:

Absolventen von MINT-Fächern werden händeringend gesucht - nach Geisteswissenschaftlern dagegen erst gar nicht gefragt. Wer dennoch einen Praktikumsplatz ergattert, darf zufrieden sein, vor allem wenn er in der Höhe einer Monatskarte für den ÖPNV bezahlt wird. Für die begehrten Volontariatsplätze (= postgradualer Ausbildungsplatz) sind mit Promotion und erster Arbeitserfahrung die Anforderungen für die meisten Absolventen schier zu hoch. Und bei der Suche im Internet fällt vor allem eins auf: Die bekannten Jobbörsen listen kaum Stellen auf, Fundstellen im Internet sind veraltet und die Positionen schon längst besetzt.

Gut beraten ist, wer schon während des Studiums ein Profil erarbeitet, dass sich an den Anforderungen des Arbeitsmarktes orientiert. Was aber ist zu tun, wenn der Lebenslauf noch dazu atypisch verläuft? Wie dennoch den Einstieg ins Berufsleben schaffen?

Die nachfolgenden Ideen haben wir als kleine Starthilfe zusammengetragen. Es geht in erster Linie um den Einstieg in die (flexiblere) freie Wirtschaft, wo neue Stellen entstehen (können). Das Fortkommen im Wissenschaftsbereich haben wir bewusst ausgeklammert, ebenso wie den Einstieg in eine Behörde. In ersterem werden meist Doktorandenstellen unmittelbar durch die unterrichtenden Professoren vergeben und der öffentliche Dienst mit festen Strukturen und Ausschreibungen erfordert einen eher klassischen Studienverlauf. In Wirtschaftsunternehmen sind die Strukturen flexibler, doch trauen sich Geisteswissenschaftler weniger in diesen Bereich vorzudringen.


Kompetenzprofil als Starthilfe

mindmap | JAROCCO

Erstellen Sie ein aussagekräftiges Kompetenzprofil als persönliche Starthilfe. Hier geht es nicht darum, was man etwa mit einem Magister in Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie werden kann bzw. wo die Mitstudenten untergekommen sind und „da bewerbe ich mich auch“. Vielmehr ist ein Kompetenzprofil eine Momentaufnahme der eigenen Fähigkeiten und Stärken. Es gehören alle aufgelistet, die Sie auszeichnen, egal wo und wie sie erworben wurden, etwa Fach-, Methoden-, Sozial-, Führungs- und persönliche Kompetenzen. Was können Sie besonders gut und was zeichnet Sie aus? Und überlegen Sie: Hat das Studium neue Interessen und Neigungen hervorgebracht und lassen sich diese mit der Realität auf dem Arbeitsmarkt verknüpfen? Listen Sie auch das auf, von dem Sie glauben, dass es im Lebenslauf nicht zusammenpasst oder kontrovers gegen Ihre Linie steht. Im Ergebnis ergibt es dann wieder ein rundes Bild!

Mit Ihrem Kompetenzprofil starten Sie die Jobsuche. Lesen Sie die Anforderungen in mehreren - für Sie interessanten - Stellenausschreibungen und vergleichen sie diese mit Ihrem Profil. Bewerben Sie sich zielgerichtet und nur bei hoher Übereinstimmung. Keinesfalls einfach drauflos bewerben! Das bringt meist wenig, da andere Bewerber die Grundvoraussetzungen erfüllen und jede Menge Absagen in Ihrem Briefkasten landen – der Frust ist vorprogrammiert.

Sollte Ihr Profil die Anforderungen nicht mehrheitlich erfüllen, überlegen Sie, wie Sie Ihre Chancen verbessern können. Hier können Berufsfindungsseminare an Unis hilfreich sein (meistens kostenfrei), Fort- und Weiterbildungen, Aufbaustudiengänge, Angebote örtlicher Träger (kostengünstig etwa VHS), aber auch Auslandsaufenthalte. Wenn Sie nicht im Studium Ihre Karriere systematisch geplant haben, dann sollten Sie es jetzt tun: Networking, Praxiserfahrung und betriebswirtschaftliche, technische bzw. IT-Kenntnisse sind wichtig! Informieren Sie sich, wie der Einstieg in Ihr Arbeitsfeld zu bewältigen ist. Möchten Sie etwa als Historiker bei einem Rundfunksender als wiss. Dokumentar arbeiten, gelingt das nur über ein Volontariat. Bewerben Sie sich in einer Medienagentur auf eine Stelle mit Berufserfahrung, die Sie nicht haben, hat Ihre Bewerbung – auch wenn Sie noch so gut daher kommt – meistens keine Chance. Überlegen Sie, wie Sie Wissenslücken sinnvoll und finanziell tragbar schließen können bzw. ob es Alternativen zu Ihrem Weg gibt.


Mit einem Kurzprofil zur Messe

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Wer Sie nicht kennt, kann mit Ihnen auch nicht über einen Berufseinstieg reden! Karrieremessen bieten eine der besten Möglichkeiten überhaupt, mit Personalentscheidern von Wirtschaftsunternehmen in Kontakt zu treten. In vielen größeren Städten veranstalten Unis schon seit Jahren Messen (z.B. ArGuS der Humboldt-Uni zu Berlin oder die Unis Erlangen und Halle/Saale oder auch Fachmessen für Entwicklungshilfe, Tourismus), deren Teilnahme meistens kostenfrei ist.

Die vollständige Bewerbungsmappe mitzunehmen ist möglich, aber unnötig. Mit einem Kurzprofil wirbt der Bewerber für sich und der Personalentscheider sieht alles Wesentliche auf einen Blick. Das Kurzprofil muss aussagekräftig sein und alle wichtigen Fähigkeiten und Fertigkeiten auflisten. Achtung! Das Thema Ihrer Magisterarbeit interessiert mit Blick auf die möglichen Aufgabenfelder im Unternehmen meistens weniger, dass Sie Informationen gut beschaffen, aufbereiten und verarbeiten können dagegen schon. Nach einem Gespräch am Stand übergeben Sie Ihr Kurzprofil, um nach einiger Zeit erneut Kontakt aufzunehmen und sich in Erinnerung zu bringen. Nutzen Sie diese wirklich gute Möglichkeit!

Hier finden Sie eine Auswahl an aktuellen Messeterminen Messen | JAROCCO in Ihrer Region.


Tagesgeschehen verfolgen und weiterbilden

Auch wenn es schwer fällt: Bleiben Sie informiert und isolieren Sie sich nicht selbst. Zu Hause wird keiner mit Ihnen Kontakt aufnehmen (können). Bücher und Fachzeitschriften sind in jeder Stadt- und Landesbücherei kostenfrei erhältlich. Sie bleiben im Forschungsstand und bilden sich weiter, was jetzt besonders wichtig ist.

Lesen Sie auch als Geisteswissenschaftler die Wirtschaftsnachrichten aufmerksam, obwohl Sie lieber zum Kulturteil wechseln möchten. Oft bieten Pressemitteilungen und Unternehmensnachrichten gute Anknüpfungspunkte für Initiativbewerbungen. Warum nicht mal eine Mitteilung selbst überarbeiten und so sein Können zeigen? Ein Solarunternehmen, das für einen neuen Standort dringend Ingenieure sucht, braucht auch Mitarbeiter für die Personalabteilung, um geeignete Fachkräfte auszuwählen. Für die Expansion ins Ausland braucht es interkulturelle Vermittler, die über (Sprach-)Kenntnisse der Region verfügen und neue Standorte erschließen helfen.

Und die aufmerksame Lektüre großer Tages- oder Wochenzeitungen hat einen weiteren Vorteil: Termine für sonstige Ausschreibungen (beispielsweise Volontariate), Sammeltermine der Bundesministerien, aber auch jährlich stattfindende Auswahltermine für den höheren Dienst (Diplomatischer Dienst des AA, Concours/EU- Personalauswahlverfahren u.a.) werden öffentlich bekannt gegeben und können so nicht verpasst werden.


Tipps für die erfolgreiche Suche und Bewerbung

Bleiben Sie standhaft: Ein bis zwei Praktika sind genug! Praktikum bedeutet nichts anderes als „in den Beruf hineinschnuppern“. Überlegen Sie, ob Sie wirklich ein unbezahltes Praktikum machen müssen, damit die renommierte Adresse dieses Arbeitgebers in Ihrem CV steht oder lieber einen bezahlten (u. U. artfremden, zeitlich begrenzten!) Job suchen, um die Miete zahlen zu können und Bewerbungen zu schreiben.

Und keine Angst: Kleinere Lücken im Lebenslauf gibt es fast immer. Solange man nicht selbst ein Problem daraus macht, ist es meist keins. Es geht um Kompetenzen und Fähigkeiten, die man etwa in sechs Monaten „Auszeit“ weder verlernen kann noch durch Überschreitung der Regelstudienzeit als Karrierebremse wirken. Besser offensiv damit umgehen, dass man eine längere Auszeit genommen, Fächer gewechselt und Arbeitsfelder ausprobiert hat und alles in allem positiv formulieren: Auch wer mehrere Monate durch Lateinamerika gewandert ist, hat durchaus Kompetenzen erworben bzw. schon unter Beweis gestellt. Und nicht jedes Praktikum muss bei der Bewerbung im Lebenslauf auftauchen. Besser ist es mit ausgewählten Positionen Akzente setzen.

Bewerben Sie sich niemals einfach drauflos! Das geht fast immer nach hinten los. Erstellen Sie für jede Bewerbung ein neues Anschreiben mit klarem Bezug zur Stellenausschreibung bzw. bei einer Initiativbewerbung zum Unternehmen. Überarbeiten Sie gegebenenfalls auch Ihren Lebenslauf: Zu viele Praktika könnten leicht orientierungslos wirken und auch Absolventen der MINT-Fächer entscheiden sich für maximal ein bis zwei.

Wer im öffentlichen Dienst arbeiten möchte, abonniert die einschlägigen Newsletter. Vergeuden Sie keine Zeit der Suche nach diesen Stellen, denn sie müssen öffentlich ausgeschrieben werden und tauchen in den entsprechenden Jobbörsen, wie www.bund.de auf.

Gehen Sie öffentlich mit Ihrer Suche nach einem Job um. Freunde und Bekannte können nur Informationen weitergeben, wenn sie von Ihrer Suche wissen. Die Nutzung sozialer Netzwerke kann mithelfen, sollte aber für Geisteswissenschaftler nicht überbewertet werden, denn Headhunter werden sie eher selten ansprechen. Aber auch hier gilt: Lieber nur ein Profil und das gut präsentiert als in jedem dabei sein und nur halbherzig.

Setzen Sie sich eine Frist! Wenn die gewählte Strategie nicht innerhalb von etwa drei bis sechs Monaten zu einem für Sie akzeptablen Ergebnis geführt hat, dann muss sie überarbeitet werden. Überprüfen Sie die an sich gestellten Vorgaben mit den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und überlegen Sie, wie Sie auf andere Weise zum Ziel kommen. Auch professionelle Hilfe durch einen Coach oder eine Beratungsstelle kann hilfreich sein.

Nutzen Sie in jedem Fall alle erdenklichen Wege der Kontaktaufnahme zum potentiellen Arbeitgeber, um sich zu präsentieren. Sie müssen aktiv werden, sonst findet Sie keiner! In Ausschreibungen der Wirtschaftsunternehmen steht fast immer ein Ansprechpartner für weitere Informationen. Holen Sie diese ein! Melden Sie sich, auch wenn Sie nicht alle Anforderungen erfüllen: Einige IT-Kenntnisse kann man erwerben, eine Sprache in kurzer Zeit jedoch nicht. Vielleicht dürfen Sie die Bewerbung auch zusenden, wenn die geforderten zwei Jahre Berufserfahrung noch nicht vorliegen. Und auf dieses Gespräch können Sie sich im Anschreiben beziehen.

Nicht zuletzt ist es sicherlich wichtig, mit Familie und Freunden über die eigenen Mühen zu sprechen. Oftmals sind andere Wege vor lauter Bäumen nicht zu sehen, weil man sich auf dieses Arbeitsfeld schon seit langer Zeit eingeschossen und dann richtig festgebissen hat. Erzwingen kann man hier nichts; Geduld und etwas Glück sind immer dabei, wenn es mit der gewünschten Stelle dann doch geklappt hat.

Warum in die Wirtschaft einsteigen?

  • Hier entstehen die meisten Jobs
  • Unternehmen bieten flexiblere Strukturen und Entwicklungspotentiale
  • Gehaltsverhandlungen sind möglich

(Einstiegs-) Chancen in Wirtschaftsunternehmen

bieten folgende Unternehmensbereiche

- interne und externe Kommunikation
- Presse/Öffentlichkeitsarbeit
- Weiterbildung
- Übersetzung
- Personalwesen

Achten Sie auf Stellenausschreibungen, die einen Hochschulabschluss voraussetzen, diesen aber nicht näher definieren. Suchen Sie mit Begrifflichkeiten, wie „Referent für ...“ bzw. geben Sie fachbezogene Suchbegriffe mit dem Zusatz „2017“ in Internet-Suchmaschinen ein, um die Chancen auf noch aktuelle Jobs zu erhöhen. Machen Sie es sich zur Regel, dass Sie recherchiere Jobs in Suchmaschinen immer auf den firmeneigenen Seiten heraussuchen und so deren Aktualität überprüfen.

Geisteswissenschaftler müssen sich gegen große Konkurrenz behaupten: Überlaufene Berufszweige lassen nicht selten hunderte Absolventen auf eine Stelle kommen (Kunsthistoriker im Museum) und auch in der Wirtschaft konkurrieren sie, etwa mit BWL-Absolventen mit Schwerpunkt Marketing oder Personalwesen.

Lassen Sie sich nicht entmutigen! Es gibt eine Menge Unternehmen, die neben Ihrer wissenschaftlichen Befähigung analytisches Denken, sprachliches Ausdrucksvermögen, Teamfähigkeit, Kreativität und Empathie (soft skills) besonders schätzen.

Worauf es ankommt

Tätigkeiten und Aufgabenbereiche in Wirtschaftsunternehmen unterscheiden sich im Vergleich zum öffentlichen Dienst. Machen Sie sich bewusst, dass neben der Beherrschung der fachwissenschaftlichen Ebene oft auch (fundierte) betriebswirtschaftliche und technische Kenntnisse erwartet werden.

Auch wenn Sie BWL nicht im Nebenfach belegt haben, können Sie aufholen: Formulierungen im Bewerbungsanschreiben, wie „Vertrautheit mit den XY-Diskursen“, „Affinität zu“ bzw. „technischem Verständnis“ helfen, andere Wissensgebiete mit Ihren interdisziplinär zu verknüpfen.

In der freien Wirtschaft weisen die wenigsten Stellenausschreibungen eine Bewerbungsfrist auf. Senden Sie deshalb Ihre Bewerbung so schnell wie möglich an den Arbeitgeber, denn die Stellen werden mit dem ersten gefälligen Bewerber besetzt. Ihre Chancen erhöhen sich deutlich, wenn Sie zu den ersten gehören. Denken Sie bei großen Wirtschaftsunternehmen, die momentan keine Stellen in den potentiellen Bereichen für Geisteswissenschaftler ausgeschrieben haben, an die Möglichkeit der Initiativbewerbung (=Alleinstellungsmerkmal).

Unser Tipp

Viele Stellenausschreibungen richten sich an Naturwissenschaftler oder Absolventen technischer Studiengänge obwohl die Aufgabenstellung auch einen Geisteswissenschaftler zuließe.

Sehen Sie sich auch diese Ausschreibung(en) genau an und überprüfen Sie - den geforderten Abschluss mal ausgeklammert - ob Ihr Profil auf die Aufgabenstellung passt. Wenn dies zu mehr als zwei Dritteln der Fall ist, dann senden Sie doch dem Unternehmen (unabhängig von der gefundenen Stellenausschreibung) eine Initiativbewerbung, in der Sie klar herausarbeiten, wo Ihre Vorzüge liegen und welchen Nutzen das Unternehmen hat. Zeigen Sie in wenigen kurzen Sätzen und ohne näher auszuführen, dass Sie den geforderten Abschluss nicht mitbringen, dass Sie alle wichtigen Voraussetzungen für dieses Aufgabenfeld/diese Position mitbringen.